Buchempfehlungen

“Stehaufmännchen” von Helga Eichinger – Eine donauschwäbische Geschichte

By on Januar 27, 2021

Klappentext

Eine donauschwäbische Biografie: Dieses Buch beschreibt die Lebensgeschichte von Rosalia Spanring und ihrer Familie. Rosalia wurde in Filipowa (im heutigen Serbien) geboren. Sie erlebte das Schicksal vieler Donauschwaben: Vertreibung, Zwangsarbeit, Vernichtungslager, Flucht und Neuanfang in einem fremden Land. Ihre Geschichte steht beispielhaft für die vieler anderer Menschen aus der Batschka und spiegelt einen Teil der europäischen Geschichte wider.

Rezension

“Stehaufmännchen” von Helga Eichinger beschreibt die bewegende Geschichte von Rosalia Spanring (Schwägerin der Autorin) und ihrer Familie, die in Filipowa (Serbien) geboren wurde und wie viele andere Donauschwaben ihrerzeit das Martyrium um Vertreibung, Flucht, Zwangsarbeit, Verzweiflung, Vernichtungslager und dem Neuanfang in einem fremden Land erfuhr. Aufgrund gemeinsamer Wurzeln fühle ich mich verbunden, über dieses ergreifende Buch zu schreiben.

“Stehaufmännchen” schildert nicht nur eine exakte Dokumentation über das alltägliche Leben der Menschen aus der Batschka, verwoben mit vielen topographischen Bezügen und Erklärungen, sondern spannt auch noch einen Bogen über die historische Bedeutung dieser vielfältigen Lebensgeschichten, die einen wesentlichen Teil der europäischen Geschichte darstellen. Inmitten all der Rückschläge, Demütigungen, Enteignungen und körperlichen Misshandlungen verloren die Protagonisten aber nie den Lebenswillen und kämpften sich durch die zahlreichen Unglücke.

Somit vermittelt das Buch auch eine inspirierende und ermutigende Botschaft, die der Leser nach Beenden der Lektüre verspürt. Ein wirklich großartiges Buch, das nicht zuletzt auch ein Mahnmal gegen das Vergessen symbolisiert, und welches ich herzlich weiterempfehlen darf!

[Werbung/unbezahlte Rezension]

“Stehaufmännchen” bei Amazon bestellen.

„Fontamara“ von Ignazio Silone — Ein Dorf in den Fängen des Faschismus

By on Oktober 28, 2020

Handlung

Fontamara, ein fiktives kleines Dorf in den italienischen Abruzzen, wird Schauplatz des aufsteigenden Faschismus unter Mussolini. Ein Dorf, das sich durch ewige Armut und Tristesse auszeichnet, deren Bewohner, die armen Bergbauen, die cafoni, sich von den Städtern durch einen eigentümlichen Dialekt und Lebensweise unterscheiden, in welchem der Strom abgeschaltet und nutzlose Straßenlaternen zertrümmert werden. An dieser Stelle zerplatzt die bekannte Vorstellung des malerischen Süden Italiens, in der Nachtigallen fröhlich ihre Lieder singen und wilde Tiere durch die sattgrünen Wälder tanzen, und mündet in der bitteren Realität.

Zunächst wird die Arbeitsmigration, in der viele Einwohner ihr Heil suchen, eingeschränkt, dann entscheidet sich ein reicher Fabrikbesitzer, der sich zum Faschismus bekennt, dazu, den Lauf eines Bachs in Fontamara zu seinen Gunsten umzuleiten. Später terrorisieren und vergewaltigen faschistische Verbände die Dorfbewohner. Die Zukunft Fontamaras hängt nun von Berardo Viola ab, dem stärksten und mutigsten der Dorfbewohner, der sich im Rom dem antifaschistischen Widerstand anschließt.

Eindruck

Ähnlich wie bei meiner Buchempfehlung zu “Erklärt Pereira” von Antonio Tabucchi zähle ich auch “Fontamara” zu den wichtigsten Werken der europäischen Literatur. In glasklaren Beschreibungen gelingt es Silone, ein überzeugendes Bild für das ewige Elend in Fontamara zu schaffen, welches durch den aufkeimenden Faschismus seinen Höhepunkt erreicht. In seiner Ausführung ernst und realitätsnah verliert der Roman jedoch nicht an Witz, besonders hervorgehoben seien hier das verfeindete Verhältnis der cafoni zu den reichen und gebildeten Stadtbewohnern. In seiner Gesamtheit ein rundes Werk hinterlässt das Buch für mich einen bleibenden Eindruck.

Anzumerken sei noch, dass Silone Mitglied der Kommunistischen Partei war, jedoch durch unterschiedliche Standpunkte ausgetreten war. Die Arbeiten an “Fontamara” fanden in einem Sanatorium im schweizerischen Exil statt.


Buchempfehlung von Lukas Hochholzer

Eigene Veröffentlichungen:

Der Untergang von Florenz (Kriminalroman)
Der Stilllebenmörder (Psychothriller)

Mehr erfahren

„Erklärt Pereira“ von Antonio Tabucchi — Widerstand zur Zeit des Salazar-Regimes

By on Oktober 26, 2020

Handlung

Die Geschichte eines Sommers im Jahre 1938. Der faschistische Diktator António de Oliveira Salazar hat die Macht über den portugiesischen Staat an sich gerissen. In diesem “Estado Novo” steht Zensur und Unterdrückung an der Tagesordnung. Inmitten des politischen Umsturzes findet sich der verwitwete Kulturjournalist Dr. Pereira wieder, Redakteur der Kulturseite einer kleinen katholischen Lissabonner Abendzeitung, Lisboa, ein regimetreues Blatt.

Bald lernt er den jungen und lebensfrohen Philosophie-Absolventen Monteiro Rossi kennen, dessen Wesen ganz und gar im Gegensatz zu Pereiras Leben sein scheint. Pereira ist herzkrank und fettleibig, ist gläubig, aber glaubt nicht an die Auferstehung des Fleisches, denn er bezweifelt, dass sein ganzes Gewicht in den Himmel aufsteigen könnte. Er trinkt nichts, ruminiert über den Tod und trauert seiner verstorbenen Frau nach, mit deren Bild er täglich spricht, und aus deren Ehe nie ein Kind hervorgegangen ist.

Durch die Bekanntschaft mit Rossi, den er zur Unterstützung in die Kulturredaktion aufnimmt, entsteht nun auch in Pereiras Leben ein Umsturz. Es beginnt der Aufbruch des behäbigen Journalisten in Form einer spirituellen Wiedergeburt, die durch das Aufleben eines neuen Widerstandgeists entfacht wird. Vom Alter gezeichnet, aber im Herz verjüngt, eröffnet er zusammen mit Monteiro Rossi und dessen Freundin Marta, die beide bereits im Widerstand tätig sind, den Kampf gegen Zensur und politischem Wahnsinn.

Eindruck

“Erklärt Pereira” stellt für mich eines der großen Werke der europäischen Literatur dar. Eingebettet in die Erzählform einer Zeugenaussage beschreibt Tabucchi hautnah und erschütternd die Ausmaße der damaligen politischen Zustände im faschistischen Portugal. Gleichfalls mangelt es im Roman nicht an einer überzeugenden Skizzierung der Charaktere. Pereiras Lebenswandel, verursacht durch den Gegenpol Rossi, steht im Einklang mit der rebellischen Atmosphäre, die im Verlauf der Handlung vermittelt wird.

Diskussion von Tabucchis Roman im “Literarischen Quartett”: https://youtu.be/NNb9F-SY3tY?t=2828


Buchempfehlung von Lukas Hochholzer

Eigene Veröffentlichungen:

Der Untergang von Florenz (Kriminalroman)
Der Stilllebenmörder (Psychothriller)

Mehr erfahren