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Der Stilllebenmörder Der Untergang von Florenz

I: Der Lichtmann (22.12.2019)

Der Lichtmann schreitet durch die finstere Allee. Zwischen unzähligen Trauerweiden bahnt er sich einen Weg durch die schwere Dunkelheit. Eine Stimme:

„Hilfe!“

„Wer war das?“, ruft er laut zurück. Doch der Schall verdunstet in der Schwärze der Nacht wie siedendes Wasser. Niemand hört ihn.

„Komm her!“, schreit er mit einer noch zerschellenderen Lautstärke als zuvor.

Abermals: Stille.

Der Lichtmann weiß, dass hier niemand um diese Zeit sein darf. Er folgt der Allee weiter, bis er zu einer kleinen Holzbrücke gelangt. Dort blickt er um sich. Unter ihm toben die Wellen eines unbändigen Wildflusses, der rücksichtslos über die Steine im Untergrund fließt und auf seinem Weg so manchen Gesteinsbrocken ins Verderben mitreißt. Der Lichtmann sieht hinab auf einen schmalen Felsen, der ins Wasser ragt.

„Hilfe!“

„Zu spät!“

Auf dem Felsen liegt eine junge Frau, die sich mit letzter Kraft daran festklammert.

„Ich werde sterben!“

„Das sehe ich.“

Der Lichtmann starrt noch für kurze Zeit auf den Fluss, dann bedankt er sich bei ihm und verabschiedet sich:

„Gut gemacht! Sie hat das Licht nicht gesehen.“

Der Lichtmann geht weiter auf der Allee. Hinter ihm vernimmt er einen quälenden Schrei. Der Fluss hat den Felsen mitsamt der jungen Frau darauf weggerissen und ihr ein nasses Grab in seinen Fluten geschenkt. Er erreicht eine weitere Brücke. Diese ist in einem schlechteren Zustand als die vorherige. Einige Bretter fehlen und sie wirkt sehr baufällig. Unter ihr verläuft ein Ausläufer des gleichen Gewässers, doch das Flussbett ist nicht einmal zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Auch die Wellen schwingen nicht so rasant umher. Der Lichtmann wirft einen flüchtigen Blick nach unten. Im Wasser befindet sich ein etwa zehnjähriges Kind, das wild mit den Händeln fuchtelt.

„Hilfe!“

„Zu spät!“

„Ich werde ertrinken!“

„Das sehe ich.“

Der Lichtmann wendet seine Augen ab, bedankt sich wieder beim Fluss und folgt der Allee bis zum Ende. Währenddessen fällt ihm auf, dass die Schreie des Kindes plötzlich von einem Moment auf den anderen verstummt sind. Am Ende des Weges prangt ihm der bemitleidenswerte Anblick einer zerstörten Brücke, die einst über einen langen Graben führte, entgegen. Er sieht in diesem den Körper eines anderen Kindes liegen. Es wirkt leblos. Der Lichtmann glaubt, dass es solange durch diesen Ausläufer des Flusses, der nun kein Wasser mehr führt, getrieben ist, bis dieser austrocknete und nun aus nichts mehr als Schutt und Erde besteht.

„Hilfe!“

Wer hat das gerufen? Es müssen die letzten Tropfen des Flusses gewesen sein, die nunmehr in diesem trockenen Graben auf ihren Tod warteten. Das war das erste Mal, dass der Lichtmann das Wasser sprechen hörte.

„Wenn die Sonne kommt, wenn das Licht kommt …“, singen sie als Chor voller verzweifelter brüchiger Stimmen.

Der Lichtmann geht in den Graben hinab und setzt sich auf den Boden. „Das wird nicht geschehen. Ich werde das Licht abwehren.“

Die Wassertropfen wissen, dass dies eine Lüge war. Der Lichtmann benötigt das Licht zum Leben. Eine jede Nacht ist für ihn ein Kampf ums Überleben.

„Wir wissen, was du getan hast!“ Die Wassertropfen hüpfen mit ihrer letzten Lebenskraft wild im Kreis herum.

„Wir wissen es! Wir wissen es! Wir wissen es!“

„Was?“ Der Lichtmann ringt um Atemluft. Sein Herz pocht so stark, dass er glaubt, seine Brust würde jeden Moment platzen.

„Du hast die Frau ans Wasser gelockt und sie sterben lassen!“, ruft einer der Tropfen, und lacht dabei über das geplagte Gewissen des Lichtmann.

„Und dem Jungen hast du versprochen, dass du ihm das Fischen beibringst! Bis du ihn dann im Wasser stehenlassen hast!“, sagt ein anderer.

„Nein, ihr versteht das nicht! Sie sind selbst schuld!“

„Wir wissen es! Wir wissen es! Wir wissen es!“

Die Wassertropfen tanzen so ausgiebig, dass man nicht glauben kann, wie sehr sie eben noch gelitten haben.

„Es reicht!“

Der Lichtmann schlägt mit der Faust auf die Tropfen, doch sie haften sich nur an seine Hand, um dann mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit wieder hinabzufließen. Er kann sie nicht zerstören. Er kann es nicht.

Wohin verschwindet die Finsternis? Die Dämmerung des Morgens scheint allmählich einzusetzen. Im nächsten Augenblick überrascht eine gewaltige Flut Wasser den Lichtmann, der sich noch immer im Graben befindet. Irgendwo muss es ein Lichtstrahl durch die finstere Wolkendecke dieser Nacht geschafft haben und das zugefrorene Wasser eines kleinen ruhigen Sees, der eine Verbindung zu diesem Graben hatte, aufgetaut haben. Die Fluten, die den Lichtmann nun für immer und ewig begraben, wollten sich an seinen grauenhaften Taten rächen, für die sie immer bürgen mussten.

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Rezension zu “Der Untergang von Florenz”

Eine Rezension von Dr. Michael Aichmayr

Der fiktiv in Florenz angesiedelte Kriminalroman schöpft aus einem breiten Repertoire an topographischen Bezügen, denen genaue Studien über Florenz und Umgebung vorausgegangen sind. Eingebettet in somit scheinbar reale Schauplätze verbindet sich diese Außensicht mit der Innenperspektive des Privatdetektivs Francesco Marchetti, der sich ähnlich wie im labyrinthischen Netz der Mafia auch im urbanen Netz der Stadt zunehmend verliert. Je mehr er versucht, das Geheimnis von Drohbriefen zu lüften, desto mehr gerät er selbst in die Fänge der Mafia, indem er sich in deren minutiös durchdachte Fallen und Machenschaften verstrickt.

Gekonnt legt Lukas Hochholzer in kunstvoll verschachteltem Aufbau die Fäden vielfältiger Verstrickungen, um sie dann in überraschender Weise zu entwirren und aufzulösen, nicht aber, um seinen Roman abzuschließen, sondern um erfrischend auf neue Komplotte in einem zweiten Band hinzuweisen.

Die zunehmende Identifikation mit dem Ich-Erzähler gelingt dem Autor, indem er nur skizzenhaft in einfachen Zügen individuell-menschliche Eigenschaften bzw. Schwächen zeichnet, so heißt es etwa: „Ich […] versank für einen Teil der Fahrt in einem Sportwagenmagazin, welches ich seit über zwei Monaten in meiner Jacke verstaute und ab und zu zum Zeitvertreib lese.“ Wer sich auf die Tätigkeit von Privatdetektiv Marchetti einlässt, erfreut sich auch an genauen Beschreibungen und an der Beobachtungsgabe des Autors, wobei manches funktionslose Detail die Dichte des Handlungsablaufs zwar etwas unterbricht, aber dennoch ein überzeugendes Lokalkolorit entstehen lässt.

Nicht nur die menschliche Dimension – denn damit verbunden werden Überlegungen über den Beruf eines Privatdetektivs und die diesem Beruf innewohnende Gefahr, moralische Grenzen zu überschreiten – wird thematisiert, auch Verhaltensweisen der Mafia werden auf dem Hintergrund von durchaus real überlieferten Gegebenheiten beleuchtet. In diesem Sinne erweist sich die zunehmende Verstrickung in Schuld eines schuldlos in die Falle tappenden Detektivs als erzählerischer Kunstgriff, denn der Aufdecker wird selbst nicht nur zum Opfer, sondern auch zum Täter. – Doch nur scheinbar, wie sich glücklicherweise am Schluss des Romans herausstellt!

In dieser geschickt konstruierten Pendelbewegung zwischen menschlicher Identifikation mit dem Protagonisten und jenen „gefährlichen“ Überraschungen, die diese Identifikation mit sich bringt, wird ein zunehmender Spannungsaufbau bewirkt, der dazu einlädt, sich auch den vielfältigen Überraschungen des zweiten Bandes des Romans zu widmen.

Der Privatdetektiv Francesco Marchetti denkt sich nicht viel, als er von einem guten Freund in Florenz erfährt, dass dieser von der Mafia bedroht wird. Er glaubt, dass er den Fall schnell klären kann, begibt dabei aber nicht nur sich selbst, sondern auch andere in Gefahr. Letztendlich wird er dazu gezwungen, für die Untergrundorganisation Auftragsmorde zu verüben. Kann er der unangenehmen Verpflichtung entgehen, während in seinem Umfeld zusätzlich kein Stein auf dem anderen liegen zu bleiben scheint? Ein spannender zweibändiger Kriminalroman der etwas anderen Art, wo der Helfer plötzlich zum Täter werden muss, um selbst zu überleben – und zwei Jahre später sein Schicksal erneut herausfordert.